"Können wir endlich anfangen?"
Leon Draco, altehrwürdiger Schamane der WiPiS und momentan einziger Lotterieveranstalter im Tal hielt sich die Ohren zu und musste aus Leibeskröften schreien, um den ohrenbetäubenden Lärm der Steintafelmischmaschine zu übertönen.
Sein armer Stenosklave klopfte wie ein Bessessener mit seinem Faustkeil um den Namen des Spielers in die letzte Lostafel einzuritzen. Er kannte die jähzornigen Wutausbrüche seines Meisters nur zu gut, um zu wissen was ihm blühte, wenn dieser auch nur einen Augenblick länger den Krach der Maschine ertragen musste. Schweissüberströmt und staubbedeckt schleppte er ächzend die letzte Tafel herbei und warf sie in das riesige Gerät. Nach wenigen Sekunden rannte er hinüber zu den beiden Ponys, die wie die Irren im Kreis rennen mussten um die Holzkonstruktion mit den neun Steintafeln in rotierende Bewegung zu versetzen.
Die Ponys hielten keuchend an und wie von Zauberhand legte sich eine herrrliche Ruhe über den Höhlenkomplex.
Dann war es soweit. Leon Draco schnippte mit den Fingern und aus der benachbarten Wohnhöhle schritt ganz langsam die Schönste seiner Schamanenschülerinnen - Phyia - hervor, die heute die Aufgabe der Lottofee übernehmen durfte. Sie hatte sich seit Tagen auf diesen Auftritt gefreut und genoss den Augenblick sichtlich.
Zur Feier des Tages trug sie ihren nagelnauen Bikini aus der Haut des glänzenden Schimmerflossenquastlers, der perfekt mit ihrer goldbraunen Haut und den dunkelblonden Haaren harmonierte. Um ihre Schultern lag ein samtweicher Umhang aus Höhlenmarderschwänzen.
Fast wäre der olle Schamane von diesem Anblick völlig abgelenkt auf dumme Gedanken gekommen, aber im letzten Moment erinnterte ihn die Stimme seines Schamanengehilfen an die bevorstehende Aufgabe: "Meister, die Ziehung".
Ärgerlich grummelnd nickte Leon Phyia zu und sie öffnete die kleine Klappe am unteren Rand der Mischmaschine. Mit einem dumpfen Plumps fiel eine kleine Steintafel vor Phyias Füßen in den Staub.
"Und, wer ist der Glückliche?" fragte Leon ungeduldig, der mit seinen Gedanken offensichtlich immer noch ganz woanders war.
Mit wohlklingender Stimme verkündete die junge Frau das Ergebnis der ersten Ziehung von Leons Lustiger Lotterie:
"Am 10. Tag des Frrost-Monats im Jahre 153 um 19 Uhr wird hiermit der werte Häuptling palme zum Gewinner erklärt".
Dann entschwebte sie so langsam wie sie gekommen war und verschwand in ihrer Höhle um sich von den Strapazen der Ziehung zu erholen.
Leon Draco drehte sich um und gab seinem Quartiermeister ein Zeichen. Dieser blies ein kurzes Signal auf seiner achtfach gezwirbelten Fiesmuschel und eine kleine Gruppe von Kriegern stürmte aus dem nahegelegenen Trainingsgeviert.
"So geht denn hin und dient ab sofort dem Häuptling palme", rief Leon. "Kämpft für ihn so gut wie für mich, auf dass er im Tale lobend Leons lustige Lotterie erwähne".
Nachdem die Männer sich in Marsch gesetzt hatten und im nahen Wald verschwunden waren, sank Leon in seinen von Säbelzahntigerfellen bedeckten Schamanensessel und lies sich einen belebenden Trunk von warmem Honigment mit Kräutern reichen. Das war für einen Mann in seinem Alter insgesamt doch recht anstrengend, so eine Veranstaltung. Wenn sich da nicht mehr Interesse im Tale zeigte, würde er das sicher nicht allzu oft machen.

