von Ein Chronist » 10.08.2008, 12:56
Enzio schritt einen langen dunklen Korridor entlang. Auch die anschließende große Halle lag im Halbdunkeln. Ohne einen Blick für die Umgebung und ohne ein zögerliches Zeichen schritt Enzio auf den riesigen Thron zu, nahm die vordersten Stufen und kniete sich zu Füßen der riesenhaften Erscheinung.
„Vater!“ sagte Enzio mit klarer Stimme.
Einige Sekunden der Stille verflogen bis ein Rascheln Bewegung andeutet.
„MEIN SOHN, DU BIST ZURÜCKGEKEHRT!“ rief Agga. „ERHEBE DICH! UND DANN ERKLÄRE DICH!“
Enzio stand auf und blickte jetzt das erste Mal seit vielen Zeitaltern seinem Vater direkt in das Gesicht. Enzio registrierte, dass sich das Antlitz seines Vaters kaum verändert hatte. Tiefe Furchen und riesige Narben zogen sich über Aggas Gesicht. Enzio wusste natürlich, dass Agga diese Narben nur aus reiner Eitelkeit trug. Dennoch versetzte Enzio der Anblick einen leichten Schock. Diese glühenden unnachgiebigen Augen musterten ihn und verlangten nach einer umfassenden Erklärung. Er war nicht sicher, ob er diese Erklärung liefern konnte.
„Vater, ich habe viele Reisen unternommen, viele Zeitalter erforscht und großes Wissen erlangt. Aber ich habe auch viele Fehler begangen, falsche Entscheidungen getroffen, Wege ohne Ziel eingeschlagen. Doch jetzt sehe ich wieder klarer, ich komme direkt vom Orakel der Alten weisen Frau.“ Enzio zögerte, aber in Aggas glühenden Augen zeigte sich noch keine Regung. „Vater, ich möchte mich mit Dir versöhnen. Ich möchte mich mit Dir aussprechen, meinen Frieden machen, in Dir nicht nur meinen Vater, sondern auch wieder meinen Mentor, Ratgeber und nicht zuletzt Freund sehen! Aber ich möchte meine Freiheit behalten, nicht zurück in den warmen Schoss, ich möchte weiter nach Wissen forschen, der Zeit weitere Geheimnisse abtrotzen, Täler jenseits aller Vorstellungskraft sehen.“
„Vater, nach all diesen Reisen, nach all diesen Erfahrungen möchte ich an Dein prasselndes Feuer zurückkehren und mit Dir als Freund bei den edelsten Tropfen zusammensitzen und über die großen und kleinen Dinge reden. Ich möchte mit Dir über über die Wirrungen der Zeit diskutieren und über den blödesten Brandstifter lachen. Vater, ich bitte Dich akzeptiere mich als Deinen Sohn so wie ich bin, nicht an Deiner Seite, aber immer in Deinem Herzen!“
Als Enzio endete schien das Feuer in Aggas Augen erloschen zu sein. Agga starrte Enzio ein paar Sekunden an und räusperte sich dann. Mit weicher Stimme sprach Agga:
„Mein Sohn, ich war darauf eingestellt mir mit Dir heiße Diskussionen, unnachgiebige Wortgefechte und Streitgespräche mit vielen verletzenden Worten zu führen. Ich war voller Spannung, voller Entschlossenheit Dich mit Worten zu besiegen. Aber jetzt, ohne dass ich das Wort ergriffen habe, ohne dass ich meine Sichtweise dargelegt habe, nur mit einer einzigen kurzen Rede von Dir bin ich bereits besiegt! Ja, ich bin besiegt, sämtlicher Verteidigungen sind nieder gerissen, alle Kampfkraft erloschen, und dennoch – ich habe gewonnen! Ein größerer Sieg als ich mir je erträumen konnte!“
Agga stand auf und schloss Enzio in seine kräftigen Arme.
„Mein Sohn ist zurück. Nicht als mein Gefolgsmann, sondern als mein Freund! Enzio, ich bin glücklich und freue mich bereits jetzt auf unsere Stunden am Lagerfeuer!“
Enzio nickte freudestrahlend und verkniff sich ein paar Tränen.
Ein paar Stunden später wurde Agga ernst.
„Enzio, es ist mir eine Freude mit Dir über so viele Dinge zu reden, aber natürlich muss ich Dich auch nach Kyrah fragen. Wie bist Du mit Ihr zusammengetroffen, warum bist Du ihr gefolgt und schließlich muss ich wissen, wo ihre verborgenen Truppen sind, wie groß ihre Anzahl ist. Und natürlich alles was Du zu den Artefakten weißt!“
Enzio hatte diese Fragen erwartet und sammelte seine Gedanken.
„Getroffen habe ich Kyrah auf einer Reise in die Vergangenheit. Sie war weise, mächtig und hatte interessante Visionen. Ehe ich mir wirklich gewahr geworden bin, war ich schon in ihrem Bann. Sie verschaffte mir Zugang zu großem Wissen. Das komplette Wissensgebiet des Winters und des Eises stand mir mit einem Mal offen.“
„Ich erkannte nicht wie sie mich manipulierte, wie sie meinen Ärger über meine Familienverhältnisse ausnutzte. Kyrah gab mir immer genau soviel wie ich brauchte, keinen Bissen mehr. Sehr schnell hatte sie erkannt, dass ich Uga und Dir etwas beweisen wollte.“
Enzio schüttelte den Kopf.
„Und ich war geblendet von der Fülle an Wissen. Ich wollte Euch zeigen, dass ich nicht mehr der kleine Junge bin, dass ich viel gelernt hatte und das meine Macht Eurer nicht wirklich unterlegen ist. Aber sie...sie wollte Euch ärgern, Euch Qualen bereiten und letztendlich auch vernichten. Vater, ich habe Euch in der ganzen Zeit beobachtet. Sie hätte Euch vernichten können! Wenn sie nicht so verspielt wäre und zu dem Zeitpunkt meine damalige Loyalität vollkommen ausgenutzt hätte! Ihr beide habt Euch wieder Eurem ewigen Streit hingegeben, während wir alle Figuren in Stellung hatten.“ Enzio seufzte.
„Paffis Tod hätte mich aus meiner Delirium wecken müssen, doch sie manipulierte jede Information, hetzte mich weiter gegen Euch auf. Vater, ich kann mich nicht entschuldigen. Zu schwer wirken meine Taten. Aber gerade Du solltest mir Verständnis entgegen bringen. Zu oft hast auch Du unbedachte Entscheidungen aus Ärger, Kampfeslust und Hass getroffen!“
Agga nickte. „Mein Sohn, ich verstehe Deine Taten, aber Vergebung kann ich Dir so schnell nicht gewähren! Verrate mir alles über Kyrahs Pläne!“
Enzio zögerte. „Ich weiß nicht viel über ihre Pläne. Die Truppenstationierung und die Stärke kennen ich nicht. Die Tick-Tack-Männer und Zeitreisenden stehen ihr zur Verfügung. Einige Gerüchte sprachen von einer Eisheiligen, aber ich habe sie nie zu Gesicht bekommen. Kyrah hatte immer große Hoffnung auf das Artefakt gesetzt, aber all ihre Bemühungen haben bisher nur dazu ausgereicht, die Bruchstücke soweit zusammenzuführen, dass vier Teile übrig blieben.“
„Diese Vier hat sie offensichtlich im inneren Kreis ausgesetzt. Es sind sogar bereits zwei Bruchstücke verschmolzen worden, es existieren noch drei. Aber gut zu wissen, dass dies alle sind! Dann ist Kyrah nur noch zwei Verschmelzungen von ihrem Artefakt entfernt!“
Enzio hörte gebannt zu. „Dies wusste ich noch nicht. Das Artefakt muss mächtig sein, aber ich glaube kaum, dass Kyrah alleine gegen die geballte Macht der Brüder bestehen kann. Vater, nur mit Uga zusammen bist Du stark genug! Lass nicht wieder Deinen Hass die Vernunft besiegen!“